Kunst und Praxis der lernenden Organisation

In einem IT-Projekt in dem es um etwas ganz anderes ging, stiessen wir im Rahmen der Klärung der Ausgangslage auf ein System, das in der Firma als „Wissensdatenbank“ bezeichnet wurde. Interessiert fragte ich nach, wie genau diese Datenbank funktionierte. Die Idee sei, so erklärte man mir, das Wissen aus den Köpfen der Mitarbeitenden in das System zu bekommen damit alle im Unternehmen lernen können. Und funktionieren würde das nicht sehr gut. Vermutlich habe man das falsche System im Einsatz.

(Lesedauer: 6 Minuten)

„Ach, ich wäre so gern ein lernender Konzern“

Vermutlich wünscht sich jeder Firmeninhaber oder auch CEO eine lernende Organisation, eine Organisation also, die aus dem Tagesgeschäft, aus Projekten, aus Erfolgen und Misserfolgen lernt, sich stetig weiterentwickelt, immer besser wird und zunehmend souverän auf die Ereignisse des Marktes reagiert. Oder besser noch, den Markt „proaktiv“ gestaltet. Denn  „Wissenskapital“ wird bekanntlich immer mehr zum entscheidenden Produktionsfaktor. Nur, wie schafft man eine lernende Organisation?

Lernen in Organisationen und lernende Organisationen

Viele Unternehmen investieren in die Entwicklung ihrer Mitarbeitenden, sei es in Form von Kursen, Schulungen, Weiterbildungen („Investition in Humankapital“) oder eben in Wissensmanagement und Wissensmanagementsysteme.

Der erste Ansatz kann eine sinnvolle Förderung einzelner Mitarbeitender sein. Organisationen lernen nur, wenn jeder einzelne etwas lernt. Der Umkehrschluss, dass eine Organisation lernt, wenn jeder einzelne etwas lernt stimmt jedoch nicht zwingend. Das Lernen jedes einzelnen ist notwendig jedoch nicht hinreichend.

Der Ansatz „Wissensmanagement“ wie in obigem Fall verstanden, basiert auf der Annahme, dass das Wissen der Mitarbeitenden explizit und in einem System formulierbar ist (People-to-Document). Das dürfte nur für einen kleinen Teil des Knowhows zutreffen. Der weitaus grössere und wichtigere Teil lässt sich nicht ohne Weiteres kodifizieren. Abgesehen davon gäbe es diverse praktische Herausforderungen:

  1. Wie viel Zeit dürfen Mitarbeitende für die Formulierung ihres Wissens benötigen? (Jeder der schon einmal einen Blogbeitrag verfasst hat, weiss, was ich meine)
  2. Wie wird mit erfasstem aber überholtem Wissen umgegangen (Halbwertszeit)?
  3. Ist das Abfragen von persönlichem Wissen rechtlich zulässig?

Theorie der lernenden Organisation

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Peter M. Senge beschreibt in seinem Buch „Die fünfte Disziplin, Kunst und Praxis der lernenden Organisation“ folgende Disziplinen:

  1. Personal Mastery: die kontinuierliche persönliche Entwicklung der Organisationsmitglieder
  2. Mentale Modelle: Umgang mit der eigenen Wahrnehmung und deren Einfluss auf unsere Umwelt
  3. Die gemeinsame Vision: Der Dialog über Grundwerte, den Zweck und die Mission der Organisation
  4. Lernen im Team: Bündeln verschiedener Kräfte zu einer wirksamen Einheit
  5. Systemdenken: ganzheitliche Betrachtung von Systemen um typische Verhaltensmuster zu erkennen und bearbeiten zu können.

Letztlich sind es immer Personen die lernen und nicht die Organisation an sich. Daher ist die „lernende Organisation“  ein schwieriger Begriff. Zudem sieht Senge die lernende Organisation als Vision (die vermutlich nie erreicht wird), als Richtung in die sich eine Organisation entwickeln sollte. Dennoch ist das Buch eine gute theoretische Grundlage für Menschen, die Raum für Entwicklung in Unternehmen schaffen wollen.

Art of Hosting: die Gemeinschaft von Lernenden in der Praxis

In die gleiche Richtung geht Art of Hosting (AoH), jedoch sehr viel praxisorientierter. Art of Hosting and Harvesting Conversation that Matter (oder auch Art of Participatory Leadership) ist die (praktische) Kunst Raum zu schaffen und Gastgeber für gute, wirksame Gespräche zu sein. Die Grundpraxis von Art of Hosting ist die sog. Four-Fold-Practice:

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Die Begründer von Art of Hosting, allesamt Praktiker mit jahrelanger Erfahrung, fragten sich: was braucht es damit dieses Muster Realität wird? Sie stellten bewährte Praktiken und Methoden zusammen. Sie beschrieben eine Haltung, die die Grundlage für offenen Dialog, Wertschätzung und Entwicklung ist und fügten alles, basierend auf den vier Dimensionen, zu einem kraftvollen Framework zusammen.

Die Initiatoren legen grossen Wert darauf, das Art of Hosting keine Philosophie sondern eine Praxis ist. Art of Hosting ist offen und undogmatisch. Es gibt keine „Black Belts in AoH“ o. ä. Man muss kein Profi sein. Art of Hosting ist eine Einladung für alle, die sich ernsthaft mit lernenden Organisationen auseinandersetzen, zu starten, zu erkunden, zu praktizieren und zu partizipieren, einzuladen und zu entwickeln.

Ein dreitägiges AoH-Training vermittelt die Grundlagen für den Praxiseinsatz. In den Trainings wird Art of Hosting praktiziert und somit bereits von den Teilnehmenden geübt. Sie sind offen für jede und jeden und werden weltweit angeboten. Weiterführende Informationen unter www.artofhosting.org mit einer Übersicht der kommenden Trainings. Das nächste AoH-Training in der Schweiz findet von 27.-29. April 2017 statt.

IT-System als Collaboration-Tools

Senges Buch zu lernenden Organisationen erschien bereits 1990 (inzwischen liegt es in der 11. vollständigen überarbeiteten Auflage vor). In der Zeit bis heute hat sich viel geändert. Uns stehen Technologien und IT-Systeme zur Verfügung, an die damals niemand gedacht hat. Wir können sehr mobil und gleichzeitig  vernetzt sein.  Wir können parallel in verschiedenen Netzwerken kollaborieren.

In vielen Organisationen sieht man IT-Systeme als Datenspeicher mit Funktionen, die die Bedienung erleichtern. Ein CRM-System (Customer Relationship Management) ist für viele eine Anwendung in der man speichern kann, dass Kunde X Rotwein mag und Kunde Y gerne Golf spielt. In ECM-Systemen (Enterprise Content Management) werden die „Inhalte einer Firma“ gespeichert. Die Mitarbeitenden müssen diese Systeme meist zum grossen Teil von Hand befüllen („…das Wissen der Mitarbeitenden in das System bekommen“). Dieser Ansatz beruht auf einem Technologieverständnis von vor 20 Jahren.

Wir sind heute einen grossen Schritt weiter. Macht und Nutzen heutiger IT-Systeme ist die Kollaboration, also die synergetische Zusammenarbeit. Ein IT-System, dass die Anwenderinnen und Anwender wirklich dabei unterstützt zu kollaborieren, ist sinnvoll und wird genutzt, sei es als CRM-, ECM- ERP- oder sonstiges System (Lesenswert (nicht nur) in diesem Zusammenhang: „Warum Sie heute Community-Management statt Marketing machen sollten!“ von Alain Veuve). Dabei können Anwenderinnen innerhalb der Organisation oder Teil von deren Netzwerk  sein (z. B. Kunden (!)). Das ist keine Zukunftsvision. Diese Anwendungen gibt es und sie werden genutzt. Und nochmal zur Sicherheit: Ein Kollaborationstool kann unterstützen, für eine gute Zusammenarbeit, müssen die Menschen selber sorgen.

 

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