Macht mehr Projektmanager/innen

Darüber, dass sich unsere Arbeitswelt inbesondere durch Automatisierung verändert und weiter verändern wird, herrscht Einigkeit. Diskutiert wird, ob es dadurch weniger oder mehr Arbeit geben wird, welche Arbeitsplätze zuerst wegfallen und wie man damit umgehen sollte. Spannender ist eigentlich die Frage, wie die Arbeit aussieht, die wir noch erledigen.

Von der Routine zur Projektarbeit

«Roboter werden alle Routinearbeiten machen» titelte 20Minuten im April letzten Jahres. «Alle Arbeiten, die repetitiv sind, werden von den Maschinen gekapert.» erklärt Futurologe Gerd Leonhard im Interview. Bleibt abzuwarten, was genau die repetitiven Jobs sein werden. Übrig bleibt sozusagen alles was nicht repetitiv ist, also kreative Tätigkeiten und Projektarbeit.

Die GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V. hat 2015 in einer Studie den Umfang der Projektarbeit in Deutschland systematisch untersucht. Die Studie zeigt, dass der Anteil der Projektarbeit bei den 500 befragten Unternehmen von 29.3% im Jahr 2009 auf 34.7% im Jahr 2013 zugenommen hat. Bis 2019 rechnen die Wissenschaftler mit einer Zunahme auf 41.3% gemessen an der Arbeitszeit. Es wird jedoch nicht nur mit einem (relativen) Anstieg des Anteils der Projektarbeit gerechnet. Auch die in Projekten erarbeitete Bruttowertschöpfung wird zu nehmen.

Die Verteilung der Projektarbeit und die Prognosen in den verschiedenen Branchen sind unterschiedlich. Wer die Ursachen auf Effekte reduziert, die unter dem Schlagwort Industrie 4.0 zusammengefasst werden und nur die fertigende Betriebe betroffen sieht, vereinfacht zu sehr. Auch in anderen Branchen der Wirtschaft aber auch im öffentlichen Sektor nimmt die Projektarbeit zu.

Projektbegriff in der GPM-Studie:
konkrete Zielvorgabe
Zeitlich begrenzt
spezifischer Ressourcenbedarf
Ablauforganisation
keine Routine Aufgabe

Das hat damit zu tun, dass der Projektbegriff zwar klar definiert jedoch allgemein gehalten ist. Für die Studie wurden Projekte ab drei Teilnehmern und mindestens vier Wochen Dauer berücksichtigt (Seite 16 der Studie). Ein Projekt bezieht sich somit auf verschiedenste Vorhaben z. B. die Entwicklung eines neuen Produkts, die Einführung einer neuen Software, die Modernisierung der Produktionsanlagen, die Integration einer Firma, die Erneuerung der IT oder der Aufbau eines neues Geschäftsbereichs. Ein wesentlicher Treiber wird auch in Zukunft die Digitalisierung der Prozesse und Dienstleistungen sein.

Wir werden Arbeit also zunehmend in Projekten organisieren. Das hat Auswirkungen.

Individuelle Kompetenz im Projektmanagement

Inserate einem Schweizer Stellenportal (Suchwort: Anzahl Treffer):
Buchhalter/in: 226
Entwickler/in: 758
Sachbearbeiter/in: 1’113
Berater/in: 1’215
Verkauf: 1’767
Projektleiter/in: 1’878

Organisationen brauchen zukünftig mehr Menschen, die Projekte planen und erfolgreich umsetzen können. Projektarbeit erfordert von den Menschen andere individuelle Kompetenzen als in anderen Berufen. Diese auszubilden und zu fördern ist Aufgabe der Organisation wie der Bildungseinrichtungen. Das heisst auch, dass sich unser Bildungssystem ändern wird. Projektmanagement hat viel mit Können zu tun. Im Bildungswesen wird die Vermittlung von Kompetenzen gegenüber der reinen Wissensvermittlung an Bedeutung gewinnen.

Die richtigen Leute zu finden, wird für Organisationen auch in Zukunft eine Herausforderung bleiben. Doch es ist nicht die einzige.

Die Projektwertschöpfung erfordert eine andere Organisation

Projekte erfordern eine andere Organisation als die Arbeit in Prozessen. Projektteams werden interdisziplinär zusammengestellt. Sie müssen gut und schnell handlungsfähig und wirksam werden. Das ist Arbeit im Team aber auch Arbeit am Team. Die Kollaboration gewinnt an Bedeutung. Formale Hierarchien verlieren an Bedeutung.

Hier sind die Unternehmen gefragt. Sie haben Interesse an einer professionellen Projektorganisation. Unternehmen, die eine zentrale Projektorganisation bereitstellen – das zeigt auch die Studie der GPM – wickeln Projekte erfolgreicher ab als solche ohne. Hierbei ist massgebend, dass „zentral“ als „Dienst am Projekt“ und nicht als Kontroll- und Steuerorgan verstanden wird.

Wichtig ist auch, sich schnell an neue Anforderungen anpassen und lernen zu können. Hier kommen agiles Projektmanagement und der Umgang mit Fehlern oder besser, die Schaffung einer Lernkultur ins Spiel. Wer keine Fehler zulässt oder Fehler gar bestraft, nimmt sich die Möglichkeit, daraus zu lernen. Wer keine Risiken und keine Querdenker zulässt, wird kaum Innovationen ernten.

Auch Kollaboration lässt sich nicht erzwingen. Unternehmen können jedoch den Rahmen schaffen, in dem die Zusammenarbeit von Menschen gefördert wird. Dazu braucht es die geeignete Infrastruktur am Arbeitsplatz und IT-Systeme aber vor allem auch Raum und Zeit. Wer ständig unter Druck steht, weil er den nächsten Managementbericht abzuliefern hat, wird sich nicht mit Kollegen über innovative Ideen austauschen.

Projektwertschöpfung erfordert eine andere Sicht auf die Auslastung der Mitarbeitenden. Produktivität in Projekten wird anders gemessen als in Prozessen. Denn Kreativität braucht Freiraum. Flexibilität braucht Reserven. Und auch die Arbeit am Team erfordert Zeit für Reflexion und Entwicklung.

Um eine produktive Umgebung für Projektarbeit zu schaffen, müssen Unternehmen ihre internen Strukturen und Haltungen überdenken und anpassen, von den Arbeitszeitenregelungen über die Förderung der Mitarbeitenden bis hin zum Umgang mit Widerständen.

Bedürfnisse im Fokus

Attraktive Arbeitsbedingungen sind notwendig, damit die geeigneten Menschen gefunden, eingestellt und auf Dauer im Unternehmen gehalten werden können. Sie entstehen nicht automatisch, wenn man in schicken Büroräumen einen Kickertisch aufstellt. Menschen brauchen und wollen eine Umgebung in der sie erfolgreich arbeiten können, auch und gerade in Phasen hoher Unsicherheit.

Menschen in Projekten können kaum effizient gesteuert werden (Überadministration). Das ist letztlich der Paradigmenwechsel in der Führung: von der Vorgabe, Steuerung und Kontrolle hin zur Frage, wie eine Organisation eingestellt werden muss, damit sie Projekte selbständig möglichst wertschöpfend realisieren kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s