Buchtipp: Ohne Freiheit ist Führung nur ein F-Wort

Von Carsten K. Rath, erschienen 2017 bei der Gabal Verlag GmbH

Carsten Rath ist Hotelier und Unternehmer. Was die Hotels angeht, hat er vom spiessigen Familienhotel im Schwarzwald über den Robinson Club bis hin zu Grandhotels wie Kempinski und Ritz-Carlton alles mit gemacht. Er hat in Südafrika, in China und den USA gearbeitet und wurde mehrfach ausgezeichnet. Da ist einiges an (Führungs-)Erfahrung zusammengekommen. Diese gibt er als Berater, Sprecher oder eben als Author weiter. „Ohne Freiheit ist Führung nur ein F-Wort“ ist Carsten Raths sechstes Buch.

Dieses Buch über die Freiheit in der Führung hat mir eine Kundin empfohlen, nach dem Sie Carsten Rath in einem Vortrag gesehen hatte. Ich war zugegebenermassen etwas skeptisch. Ich fragte mich, ob einer aus der Hotelbranche wirklich etwas Wesentliches über Führung beitragen kann. Über Führung ist schon viel geschrieben. Und Hotels waren bis anhin nicht mein Inbegriff der modernen oder gar freiheitlichen Führung. Man macht ja so seine Erfahrungen was Service angeht… . Um es vorwegzunehmen: diese Buch ist nicht nur unterhaltsam sondern auch überaus informativ und inspirierend.

Affentheater und Monkey Business

„Dee do de de
I don’t have no time for no monkey business
Dee do de de
I get so lonely, lonely, lonely, lonely, yeah
Got to be some good times ahead“

Freddie Mercury, Rocksänger und Komponist

Wer kennt sie nicht: die Zeitgenossen, denen es primär um sie selbst geht, die nur ihre eigenen Anliegen und Ziele in den Vordergrund stellen, auf schnelle Belohnung und geldwerten Erfolg aus sind, sich produzieren und sich nicht für das Wohl der anderen interessieren? Zu Beginn führt Rath dafür die Figur des Corporate Monkey, kurz COMO ein. COMOs sind Führungspersonen wie auch geführte, die der Kokosnuss nachjagen. Die amüsante und bildhafte Einführung ist eine schöne Grundlage für die folgenden Kapitel im Buch.

Die Figur ist aber auch ein Stereotyp verleitet zu Pauschalisierung und Vereinfachung. Doch Rath geht es nicht um Chef-Bashing, Schuldzuweisung oder Kategorisierung von Menschen.Im Gegenteil. Er stellt klar, dass in jedem von uns ein COMO steckt. Die Frage ist, wie wir unseren Affen zähmen und wie viel Zucker wir ihm geben wollen. Er stellt klar:“COMOs werden gemacht. Und wir können das verhindern“. Hier wird es spannend.

Freiheit von…, Freiheit zu…, totale Freiheit und Verantwortung

Mit dem COMO im Gepäck geht’s also um die Freiheit. Zunächst um die verschiedenen Arten der Freiheit: zum Beispiel Entscheidungsfreiheit, Sicherheit auszuprobieren, finanzieller Spielraum. Denn Freiheit ist nicht gleich Freiheit. Rath stellt auch klar, dass Freiheit Grenzen hat.

Von der Freiheit hangelt sich der COMO weiter über die Verantwortung, Hierarchie, Kommunikation und Talentsuche. Es geht um Meetings (vor allem die ineffizienten), Teamarbeit und Individualität, Empathie, Leadership und Agilität. Rath deckt ein breites Spektrum ab, hat aber auch überall etwas beizutragen.

„Doch bei der Frage, ob wir unsere Führungskräfte durch größere Entscheidungs- und Handlungsfreiheit ermächtigen oder nicht, geht es gar nicht in erster Linie um Geld. Unternehmer, die nur in dieser Dimension denken, stehen sich selbst im Weg.“

Carsten K. Rath

Die Hotelbranche hat sich als Anschauungsobjekt für Führungsfragen durchaus bewährt. Schliesslich geht es hier um Service am Kunden, um sehr individuelle Kundenbedürfnisse und hohe Erwartungen. Klar ist, dass der Mitarbeitende am Empfang entscheidende für die Kundenzufriedenheit ist. Es ist auch klar, nur wenn entscheiden darf und kompetent mit individuellen Kundenbedürfnissen umgeht, entsteht Kundenzufriedenheit. Daneben spielen Zeitdruck, Improvisation und Innovation eine grosse Rolle. Spannend ist hier auch der Blick hinter die Kulissen z. B. in die Teams in der Küche die täglich Hochleistungen erbringen müssen.

Carsten Rath gelingt dieser Einblick sehr schön. Er beschränkt sich jedoch keineswegs auf die Welt der Gastronomie. Er zieht beispiel aus der Automobil- oder Telekommunikationsindustrie oder von Start-Ups heran. Zudem bringt er seine Thesen immer wieder auf den Punkt mit Sätzen wie: „Es kommt auf die Entscheidung an – nicht darauf, wer sie trifft.“

Von Menschen und ihren Menschenbildern

„Wenn Mitarbeiter ihre Leistungsfähigkeit nicht mehr um der Karriere willen anzapfen, sondern um etwas zu bewirken, das ihre Bedürfnisse befriedigt, dann sollte uns das zu denken geben. “
Carsten K. Rath

Eigentlich betrachtet Rath schlicht zwei Menschenbilder: das des X-Menschen (hier COMO), der eng geführt, kontrolliert und motiviert werden muss, der Routineaufgaben bevorzugt, sich vor Verantwortung scheut und nach Sicherheit strebt. Und das des Y-Menschen, der von sich aus leistungsbereit und motiviert ist, selber Entscheidung treffen und sch entfalten möchte. Das ist weder neu noch spektakulär. Aber er tut dies auf sehr sympatische Weise. Seine Geschichten sind vielfältig und unterhaltsam. Sie sind persönlich – wir erfahren ganz nebenbei, wie Carsten Rath seine spätere Frau kennen lernte -, anschaulich, teils inspirieren, teils irritierend. Es berichtet von Erfolgen und Rückschlägen, von freudigen und schmerzhaften Erfahrung von Menschen und ihren vielfältigen Bedürfnissen und Beziehungen. Dazwischen lässt er Ergebnisse aus Studien, Experimente oder Zitate einfliessen.

Das Buch ist kein Patentrezept für „garantierten Erfolg in der Führung“, kein schnödes Sachbuch sondern eine leidenschaftliche Einladung und ein Aufruf, die Dinge neu zu denken, zu hinterfragen, anders zu betrachten und auszuprobieren um den eigenen Weg zu finden für das was ist und das was auf uns zukommt. Darum erhält das Buch in diesem Blog das Prädikat „besonders Lesenswert“.

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